LEA LANGENFELDER


Performance . Text . Dramaturgie . Regie 

 

Text

Nachfolgend eine kleine Auswahl von Texten und Textausschnitten

Wie der Soldat das Grammophon repariert

Plattenbau Sarajevo, neunter Stock. Die nackte Platte ragt mächtig in den Himmel, seit Jahren nicht gestrichen, fast schwarz, ausgebrannt von der Last einer langen Geschichte. Als er nach seiner Abwesenheit mit der Mutter aus dem Propellerflieger von Air Bosnia steigt, steht er in einer kaschierten Kraterlandschaft, von Detonationen zerfressener Boden, überbrückt mit hölzernen Planken. Die Mutter, Architektin von Beruf, wird hier eine Unmenge an Arbeit finden, sagt sie sich und geht mit dem Jungen an der Hand erneut in ein fremdes, dennoch altes Leben. Und der Junge fragt ohne Unterlass, bevor er verstummt und seinen Blick über skelettartige Ruinen wandern lässt und daheim vor dem Fenster neue Welten aus Lego erbaut. Die Mutter kann Räume verzaubern. Je trister der Bau von außen, desto heller und wohnlicher sind die Zimmer, in denen sie leben. Sie sind Mutter und Sohn! Der Sohn entscheidet nicht viel. Andere Orten, bessere Chancen, andere Orte, andere Menschen, andere Orte, etwas verloren. Doch er will mehr und als er erstmals selbst entscheidet zu gehen, stellen sie ihm sein Eigen in Kisten vor die Tür seiner einstigen Bleibe. Er treibt sich fort. War er einst in den Händen eines Fremden über den Fluss Save gekommen, als kleiner von keinem Jahr, reißt es an ihm als sei er damals in tosenden Wellen davongetrieben. Ständig paddelnd gegen das Wasser, das ihn in eine vergangene Heimat zieht, in eine Welt, in der eine Mutter keinen Lohn bekommt, ein Vater dahin vegetiert, ein Volk um sich kämpft. Er kann das nicht mehr sehen, die Ungerechtigkeit zieht ihn zum Grund des Flusses, wo der Schlamm tief ist und die Nacht so schwarz wie alte Fassade.

(Wie der Soldat das Grammophon repariert, eine Produktion des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, unter der Regie von Beata Anna Schmutz. Link zur Veranstaltung: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/info/2443/


 

Recall 1.6

Das Bild, Pussy Cat, als Begriff meiner Entwicklung, als Verweis auf mein Sein. Indiz und Beweis vereint.

Im Buch der tausend Gesichter suche ich nach meinem Selbst, forsche nach meinem Namen, nach Bekanntem und Verwandtem. Im Buch der tausend Gesichter finde ich mich als variable Einheit, als X einer Gleichung, die ich löse und wiederholt überprüfe.

Im Buch der tausend Gesichter finde ich uns, Pussy Cat, überspannt mit glatter Seide, die ich mit meinen blinden Augen durchschaue. Zwischen mir und meinem Selbst nur magnetische Fläche, Zahlen und glattes Leuchten. Zwischen mir und meinem Selbst, über uns, meine organische Netzhaut, kunstvoll erwachsen zum wohnlichen Zelt.

Im Buch der tausend Gesichter finde ich ersponnene Innereien, architektonisch vollendete Glaskonstruktion, die ich ohne zu dekonstruieren in mein Inneres pflanze. Information ist Wurzel. Beliebig verknotet zu hübschem Gestrüpp, winde ich sie um glatte Haut, auf dass sie mich kitzelt und erfahren macht. Wissen ist Macht und Information neue Tradition. Im Buch der tausend Gesichter sehe ich was ich bin, tausendfach bejaht und dokumentiert, finde mich im Gestern, im Morgen existieren. Im Buch der tausend Gesichter finde ich meine Realität, Informationsfülle, die mein Inneres außen repräsentiert. Im Buch der tausend Gesichter entlarve ich meine Idee als Wahrheit, mein Selbst als Kunst.

Es gibt eine Sache, die musst du verstehen, Pussy Cat. Es geht einzig und allein um visuelle Repräsentation, mit der du Wahrhaftigkeit mimst. Das Sehen kommt vor dem Denken kommt vor dem Wissen, spricht Information für alle über uns. Ich kuriere mein Leben für euch, mein Leben hat Werkcharakter, mein Leben ist mein Projekt. Leben ist Kunst, verändern kann man sein Selbst, nicht die Welt in ihrer gigantisch großen Kleinheit. Drum optimiere dich! Optimiere deinen Partner! Optimiere deine innere Leere und poliere dein glattes Inneres. Du willst doch kein verzerrtes Bild deines Ich auf schmutzig klebrigen Wänden blicken. Friss einen Spiegel und spiegel dich im Spiegel im Spiegel im Spiegel im Spiegel, Pussy Cat, dann kannst du unser Produkt verstehen und im Licht deiner fünfzehn Groupies baden.

Pussy Cat,
Leben ist Kunst.
Selbst ist Kunst.
Optimierung ist Kunst.
Kunst ist nichts.
Nichts ist Kunst.


 

Heimatgefühle (Ausschnitt)

Das Territorium wurde unter einer Kuppel erschaffen um gute Menschen in sich zu bergen. Gute Menschen, die sich gut verstehen und eine profitable, gewinnmaximierende Gemeinschaft bilden. Finanziell und natürlich auch seelisch.

Wisse eines, der gute Mensch kommt aus unserer Mitte, ist Bruder und Mutter in einem.
Wisse zweiens, der gute Mensch bleibt.
Wisse dreiens, der gute Mensch arbeitet.
Wisse vierens, der gute Mensch dient der Gemeinschaft.
Wisse fünfens, der gute Mensch ist nachvollziehbar und zu berechnen.
Wisse sechsens, der gute Mensch ist stumm.


 

Schuld (und Sühne), Ausschnitt

Teigige alte Frauen mit Haut wie Lehm, sitzen auf steinernen Bänkchen in einem schlichten in hellem grün gefliesten Raum. Schöne alte Hutzeln. Gut verteilt im Raum putzen sie ihre alten Körper, waschen mit kerniger Seife ihre Hautlappen und sind wunderschön. Es wird leise geredet, gelacht. Die Härte der Straße ist abgewaschen. Weiche Körper fließen auf die Fliesen. Man trägt Badeschlappen aus Plastik. Von der großen Waschhalle geht man in die sengende Hitze hinein. Auf einen hölzernen Podest hocken sieben alte Frauen und lächeln mich mit einem Bündel nasser birkenzweige warm und herzlich an. Ich steige Stufen hinauf und kaure mich zwischen die nackten Alten. Ihre Sprache spreche ich nicht. Hitze und Säfte wabern durch die Luft. Vor mir verschmelzen die braunen Leiber zu einem erdigen Klumpen, der mich freundlich umschließt, während nasse Birkenzweige auf meinen heißen Körper treffen. Mich schlagen. Wir. Reinigen. Unsere. Seelen. Wir. Beseitigen. Überwinden. Differenzen. Ein paralleles Universum. Hier. Eiswasser über unsere Köpfe. Mein Kopf droht angenehm zu platzen. Hornhaut wird geraspelt. Wärme in unseren Körpern. Unter der Dusche stehen Teigfrauen aus Lehm. Friedliche Geschäftigkeit überall. Dann bricht alles zusammen. Die einfach konstruierte der Decke löst sich und bricht auf eine der duschenden Frauen nieder. Trifft sie an ihrem Kopf. Lüftungsschläuche winden sich metallisch leuchtend aus der Decke. Quadratische Platten. Allen auf den Boden. Zu gleichen Sekunde drei Teetassen vor Schreck. Der Boden der Grünen Waschhalle mit Scherben und Tee befleckt. Wasser färbt sich bräunlich rot. Die getroffene Alte kommt langsam wankend über den Trümmern ihrer Welt hervor. Unbegreiflich hässlich im Gesicht. Traurig blitzen die Augen. Im Nebenraum wehen rosa Vorhänge im Wind.

Wenn du in gesundem Zustand wärst, also normal dann würdest du solche fantastischen Träume niemals zu Stande bringen. Deine Sinne werden, also deine Sinne sind beeinträchtigt. Du siehst… Dinge. Also Dinge die gar nicht hier sind. Oder hat es nicht eben geklingelt? Egal. Du bist versunken. In einer Art Schlaf. Wandelst wach schlafend durch weite Straßen. Die Sonne strahlt vom Himmel und alles endet, also alle Wege führen, in einen kleinen, etwa sechs Quadratmeter großen Raum, einen fensterlosen und wenn du drin bist, bist du drin und kannst da nicht mehr raus. Und du hast eine Pritsche und ein Klo aus Metall mit integriertem Waschbecken. Und dann merkst du, dass das über deinem Kopf gar keine Sonne ist, sondern ein roter Wärmestrahler, der dir die Haut versengt in deinem Fieberdelirium. Du erinnerst dich noch Jahre später. Du kommst immer wieder zurück an diesen Ort. Wenn du die Augen schließt beim Aufschlagen im Zwielicht bei Sonne im Regen. Und es macht dir Angst…

Gelb.

Zwischen hohen Häusern schiebt sich gelblich feiner Nebel durch breite, graue Straßen. Passiert verschlossene Türen, leckt an hölzernen Spalten, fließt durch unsichtbare Ritzen in kleine, dunkle Zimmer. Überrollt zu Stein erstarrtes Volk. Setzt sich fest, unter niedrig, schrägen Decken. Benetzt geflochtenes, störriges Haar. Verschleiert menschliche Blicke. Greift mit dürren Fingern nach Stoffen, Steinen und Metallen. Streichelt zärtlich reiche Wangen um sich dann dem Jungen zuzuwenden. Fasst ihn bei der Hand, kratzt an seiner vor Schreck erstarrten Brust, ergießt sich in seinen offen stehenden Mund, gleitet unaufhörlich wabernd tief in seinen Körper. Umschließt mit zittrig gelben Händen ein rotes, kleines Herz. Drückt zu. Bohrt lange bleiche Nägel in bläulich rote Venen. Der kleine Jungenkörper schwebt im gelben Nichts, steht im gelben Raum. Atmet langsam keuchend gelben Nebel. Graue Schädelmasse ändert ihre Farbe, unaufhaltsam, ungestört. Gelblich lächelnd erhebt sich seine kleine Seele. In einer gelben Stadt. In einer gelben Welt.

Ein Tag beginnt. Die Sonne schickt ihr krankes Licht in dünnen Fäden in die Stadt. Nebel fällt zu Staub erstarrt, trocken auf die grauen Straßen. Er haftet an den dunklen Mänteln kleiner schnell bewegter Menschen, die mit großen Fliegenklatschen wütend auf ihre Kleidung schlagen. Immer wieder. Chancenlos. Staub zu Staub. Gleich und gleich gesellt sich gern.

Strafe

Im Unglück sieht man die Wahrheit klarer. Und ich sehe bis zum Grund. Bis zum Grund des Universums, meines Universums, das sich unaufhaltsam zusammenzieht, verkleinert, zu verschwinden droht: Mein Henker geht mit mir spazieren. Durch den Wald. Auf einem Rundweg. Mein Henker richtet mich. Um uns herum, sind grüne Wiesen. Mein Henker hat seinen Arm freundschaftlich um meine Schultern gelegt. Mein Henker hält mich sicher, hält mich warm. Lächelt mich mit leicht zuckendem Augenlied auf seiner Rechten, zuckersüßlich wissend an. Mein Henker und ich. Wir warten beim Gehen. Auf das Ende. Auf mein Stolpern. Auf mein Straucheln. Er straft mich mit einer Extrarunde. Gut Ding will ja schließlich Weile haben. Das Feuer um mich soll erlöschen, ich muss erkalten. Ich kann das Nichts um mein kleines Universum sehen. Bin allein mit meinem Henker im All. Er führt mich wissend durch meine brennende Welt. Die ehemals rot leuchtenden, spritzigen Funken der Stunde Null, vertrocknen auf dem Waldboden und werden langsam bräunlich grau.


 

Frühlingserwachen (Auswahl)

PAMPHLET GEGEN DAS ERWACHSENWERDEN

DER ERWACHSENE LÜGT DEN JUNGEN MENSCHEN GRUNDSÄTZLICH AN.
DER ERWACHSENE MÖCHTE DEN JUNGEN MENSCHEN NICHT AN DEN FREUDEN DES LEBENS TEILHABEN LASSEN.
DER ERWACHSENE MACHT DEM JUNGEN MENSCHEN DAS LEBEN SCHWER.
DER ERWACHSENE IST EIN KONSERVATIVER SPIESSER.
DER ERWACHSENE IST EIN LÜGNER.
DER ERWACHSENE VERSTECKT SEINE EREKTION.
DER ERWACHSENE TÖTET SEINEN TRIEB.
DER ERWACHSENE TÖTET DEINEN TRIEB.
DER ERWACHSENE DENKT KLEIN.
DER ERWACHSENE IST EIN KLEINGEIST.
DER ERWACHSENE IST EIN GEFANGENER SEINER IDEOLOGIE.
DER ERWACHSENE IST GEGEN DIE FREIHEIT DES JUNGEN MENSCHEN.
DER ERWACHSENE SPERRT UNS EIN.
DER ERWACHSENE WILL UNS DIE FREUDEN DES LEBENS NEHMEN.

FOLGT:
WERDE NICHT ERWACHSEN. BLEIB KLEIN. VERSTECKE DAS KIND IN DIR UND LASS ES SPIELEN SOBALD DU KANNST. LÜGE DEN ERWACHSENEN AN. ZEIG IHM NICHT WAS DICH BEWEGT UND STELL IHM KEINE TIEFSINNIGEN FRAGEN. ER WIRD VERSUCHEN DICH IRRE ZU FÜHREN. STECKE IN DEINE OHREN WACHS AUF DASS DU IHN NICHT HÖREN KANNST. LERNE DEINE EIGENEN LIEDER. REISE IN FERNE LÄNDER. LACH ÜBER IHRE GRAUEN WITZE. LIEBE UND SAGE JA ZU DEINEN TRIEBEN. SEI DAS TIER DAS DU SEIN WILLST. ZWEI TAGE UND ZWEI NÄCHTE LANG. FEIER DEINE JUGEND. SCHLIESSE DICH EINER REVOLUTION AN UND VERLESE DIESE WORTE.

Er streift durch die Natur. Er beobachtet die Tiere. Er sieht wie die Tiere sich begatten. Sein Blick ist wissend. Er atmet tief durch. In seiner Brust eine unheimliche Melancholie. Auf seinen Ohren so ein Song in dem es um Leid geht. Ein Song der viele Emotionen transportiert, ein Song der ihn versteht. Er weiß was Leid ist, er ist Hamlet und Faust in einem. Seiner Meinung nach. Beschissen melancholisch, hat die Welt schon durchschaut und zu allem Übel ist er auch noch pubertär. Ein hartes Los, das er gezogen hat. Ach. Ach. Ach. Und was ihm fehlt ist Spaß an seiner Jugend, die er einfach nicht erleben kann. Er will doch nur ein Mädchen, ein Gretchen für sich. Er versucht sich vorzustellen, dass er die Wärme in seinem Gesicht nicht spüren kann und dass es regnet. Er scheitert kläglich. Er nimmt sich vor, ein großes Buch zu schreiben und wenn es so weit ist auch die Welt zu verändern. Wo bekommt er nur ein Gretchen her? Eine, die sich gerne für ihn hergibt? Eine, die unschuldig ist. Eine, die ihm auf den Leim geht. Eine, in die er sich verlieben kann. Eine, die ihn wie irre liebt. Er hat ja Bock zu leben aber wenn dann doch mit allem Drum und Dran. Hell yeah! Und dann läuft die kleine Prinzessin Bergmann vorbei. Ihre Beine sind süß, ihr Mund ist rot und ihre Augen glitzern in der Sonne. Er steht auf sie. Er bekommt eine Erektion. Aber er weiss sich zu verhalten. Macht einen Diener, scharwenzelt um das junge Mädchen herum, macht ihr Komplimente pflückt ihr eine Blume. Sie findet ihn toll, das merkt er schon. Sie wird rot. Sie kichert. Und er will sie so gerne küssen, aber sie will, dass er sie schlägt. Er will das auch. Er will sie grün und blau schlagen. Er will ihr die beschissenen Weibereien austreiben, er will ihr die Knochen brechen, weil ihn das jetzt alles irgendwie überfordert, hier so ganz alleine im Wald mit dieser Frau, die den Spieß hier einfach umdreht.
SCHLAG MICH DOCH MAL. BITTE. BITTE. BITTE. BITTE.BITTE. BITTEEEEEEEEE.
Kulleraugen. Mädchen schlägt man nicht.
BITTE. KOMM. MAN HAT MICH NOCH NIE GESCHLAGEN. MELCHILEIN. BITTE. BITTE. ICH WILL DAS JA NUR MAL WISSEN.
Mädchen kann man nicht schlagen. Die sind schwach und machen einen wahnsinnig. Sie machen ihn wahnsinnig. Und jetzt wollte er küssen und sie will gleich alles und noch mehr. So eine Hure. Die ist kein Gretchen. Die wird er sich zu seinem Gretchen machen. Und dann vergisst er sich und prügelt los, prügelt was das Zeug hält. Auf ihren Mund. Auf ihren Po. Auf ihre Brüste. Bis er nicht mehr kann und schweißtriefend davonrennt. Ungelogen. Die Hälfte dessen was er für Schweiß hält sind seine Tränen.